Referat von Ulrich Knellwolf

Bezirskirchentag
9. Juni 2017 in der reformierte Kirche Biberist

Wie im Himmel, so auf Erden

I

„Wie im Himmel, so auf Erden.“ Der ganze Satz heisst: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.“ Er steht im Unser Vater, dem Gebet, das nach der Überlieferung der frühen Christenheit auf Jesus selber zurückgeht. Jesus habe damit  seine Jünger gelehrt, was Beten heisse, lesen wir bei den Evangelisten Matthäus und Lukas. Das Unser Vater  ist also sozusagen das christliche Mustergebet. Und damit das Muster, wie wir überhaupt zu Gott und von Gott reden sollen.

Vielleicht ist es nicht unnütz, wenn ich das ganze Gebet zitiere. Wir brauchen es ja viel, fast in jedem Gottesdienst. Und weil wir’s so viel brauchen, meinen wir, selbstverständlich zu wissen, was wir damit sagen. Aber ich glaube, es gebe daran Erstaunliches zu entdecken.

Also, nach der ökumenischen Fassung:

Unser Vater im Himmel!
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit.
Amen

Was für eine direkte, zupackende, resolute Sprache! Da werden keine langen Einleitungen gemacht, keine Rattenschwänze von Ehrentiteln für Gott aufgezählt. Es gibt keine Verbeugungen, Kniefälle und Ergebenheitsfloskeln  von Seiten der Menschen. Kurz und bündig sagen sie: „Unser Vater im Himmel.“

So redet kein Sklave seinen Herrn an, kein Lohnabhängiger den gefürchteten Chef, kein Untertan den Fürsten, kein armer Schlucker den reichen Mann, von dem er ein Almosen ergattern will. Wer redet so? Der Titel „Vater“ sagt’s. So redet ein Kind seinen Vater an, von dem es viel erwartet, an den es hohe Ansprüche hat, von denen es überzeugt ist, dass sie rechtens sind. Und nur dann redet es ihn so an, wenn zwischen ihm und dem Vater ein Vertrauensverhältnis besteht. Wenn das Kind also weiss, dass es sich auf den Vater verlassen kann.

Woher weiss das Kind das? Aus Erfahrung. Es hat die Erfahrung gemacht: Der meint es gut mit mir. Im Kopf und in der Seele des Kindes sind viele kleine Geschichten gespeichert, die von der Güte des Vaters handeln. Es sind nicht nur eigene Erfahrungen. Auch solche von Geschwistern. Und solche von Vorfahren mit ihren Vätern. Das Wort „Vater“ ist ein Speicher dieser guten Erfahrungen. Wie ein Buch voll guter Geschichten. Darum ist „Vater“ ein Ehrentitel. Er meint nicht nur den Erzeuger. Er meint den, auf den das Kind sich verlassen kann, weil er sein Kind liebt.

Wenn das Unser Vater Gott „Vater“ nennt, dann erinnert es uns auch an die Geschichten des Alten Testaments, die von den Erfahrungen des Volkes Israel mit seinem Gott erzählen. Ich nenne nur die Geschichte vom Zug Abrahams aus Mesopotamien nach Kanaan, in das Land, das Gott ihm zeigte. Und zu erinnern ist an den Auszug Israels aus der ägyptischen Sklaverei durch die Wüste und über den Jordan ins Gelobte Land. In diesen Geschichten ist die Erfahrung gespeichert, dass Gott sein Volk nie fallen liess. Auch dann nicht, wenn es in allergrössten Schwierigkeiten steckte und von Untergang und Tod bedroht war.

Weil es durch das Wort „Vater“ Geschichten von solchen Generationen übergreifenden Erfahrungen im Kopf und in der Seele hat, setzt das Kind als selbstverständlich voraus, dass der Vater es von Herzen gern hat und das Beste für es will. Es weiss durch das ererbte Wort „Vater“, woran es mit seinem Vater ist. Darum kann es so direkt und unverkrampft auf ihn  zugehen und ihn so selbstverständlich und erwartungsvoll anreden: „Mein Vater.“

Christliches Beten ist alles andere als ängstlich. Und auch nicht abtastend vorsichtig. Christenmenschen müssen nicht zuerst abklären, was für Wetter beim Vater herrscht. Sie müssen auch nicht zuerst gut Wetter bei ihm machen. Sie können - eben wie ein Kind – voll Vertrauen auf ihn zulaufen, ihm um den Hals fallen und ihn unverkrampft anreden, weil sie wissen, dass sie willkommen sind. Sie sind ja seine Kinder und können ihm frisch von der Leber weg sagen, was sie bewegt und was sie von ihm erwarten.

Ich möchte die Religion sehen, die das wagt. Schaut die Gebete der Religionen an! In den Augen der meisten Religionen der Welt ist eine derart vertrauliche Anrede an Gott verwegen, unmöglich, eine Unverschämtheit, geradezu ein Sakrileg. Das Kind, das so redet, ist aber nicht unverschämt. Es ist nur nicht verschämt. Es weiss, dass es sich vor dem Vater nicht schämen und nicht in Sack und Asche vor ihn treten muss. Nicht, weil es selbst ohne Fehl und Tadel wäre.  Sondern weil es weiss, dass es dem Vater lieb und wert ist mitsamt seinen Mängeln und Fehlern. Darum muss es ihn nicht verschämt und unterwürfig anreden. Es redet ihn aber auch nicht unverschämt an, sondern frei wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Und es macht aus seinem Herzen mit seinen Wünschen darin keine Mördergrube.

Darum nennt auch  in der Fortsetzung das Unser Vater die Sachen beim Namen und redet nicht um den heissen Brei herum. Es redet als Kind zum Vater, aber es ist nicht kindisch und plappert nicht in  Häfelischülersprache.  Christenmenschen wissen, dass sie ihr Leben lang die Kinder ihres Vaters im Himmel bleiben. Aber sie bleiben nicht Kindsköpfe, sondern werden erwachsene Menschen. Und sie reden mit ihrem Vater wie eine mündige Tochter und ein mündiger Sohn mit dem Vater redet. Denn dieser Vater bevormundet seine Kinder nicht.  

„Dein Name werde geheiligt“ ist darum keine fromme Floskel, sondern eine dezidierte Forderung. Mach deinen Namen heilig, damit wir ihn heilig halten können. Du hast uns bisher  in guten Erfahrungen Grund gegeben, dass wir deinen Namen als heilig achten können. Sorg dafür, dass er heilsam bleibt und wir an der Heiligkeit und Heilsamkeit  deines Namens nicht verzweifeln. 

Das ist eine Erwartung. Und darauf folgt weiter eine Erwartung nach der andern. Dein Reich komme, dein Wille geschehe. Gib uns zu essen. Rechne uns unsere Schulden nicht an, wir tragen unsern Schuldnern ja ihre Fehler auch nicht ewig nach. Führe uns nicht in Versuchung, also lass nicht zu, dass Dinge geschehen, die uns an dir irre machen. Erlöse uns vom Bösen.

Alles Forderungen, eine ganze Wunschliste, die in die Begründung einmündet: „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“ Das heisst: Es geht um dein Reich. Du allein hast die Kraft, es zu verwirklichen. Dieses Reich soll deine und unsere Herrlichkeit werden und ewig, also nicht von Vergänglichkeit, Unrecht, Unfreiheit, Verderben und Tod bedroht sein.

Denn noch sind viele Wünsche offen. Der Abstand zwischen dem Himmel als dem angesprochenen Wohnort des Vaters, und der Erde als unserem Wohnort ist immens. Himmel ist für die Bibel gleichbeutend mit Paradies. Die Erde, so wie sie ist, ist alles andere als das Paradies. Solange die Erde nicht das Paradies ist, haben wir allen Grund, darum zu bitten, dass sie es werde. Denn wir wissen, dass der väterliche Gott, von dem die Bibel redet, nicht die Absicht hat, im Himmel zu bleiben. Seine Absicht ist es, den Himmel mit der Erde zu fusionieren. Und zwar so, dass aus der Erde der Himmel wird. So hat es Jesus von Nazareth in Zusammenfassung und Aktualisierung der alttestamentlichen Prophetie ausgerufen. „Das Reich Gottes ist im Kommen“, hiess seine Botschaft.

Jesu Botschaft war also keine Anleitung, was wir tun sollen, damit wir in den Himmel kommen. In den Himmel müsst ihr nicht kommen; der Himmel kommt zu euch, sagte er dem Sinn nach. Jesu Botschaft war auch nicht in erster Linie eine Anleitung, wie wir richtig oder gottesfürchtig und Gott wohlgefällig leben können und sollen. Jesu Botschaft ist in erster Linie die prophetische Ankündigung des Reiches Gottes. Jesus zeigt die Zeit an in dieser Welt. Wir leben in einer unfertigen Welt. Aber die Zukunft dieser unfertigen Welt heisst Vollendung und Paradies, worin die Güte Gottes alles in allem sein wird. Diese Zukunft ist trotz des gewaltigen Abstands der Erde vom Himmel nicht fern. „Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen“, wird Jesu prophetischer Ruf richtigerweise übersetzt. Mit seinem Tod für diesen Ruf hat Jesus ihn glaubhaft und vertrauenswürdig gemacht. So ist Jesus durch seinen Tod selbst der Anfang des Reiches Gottes mitten unter uns geworden.

So redet die Bibel. So redet, gleichsam als Kurzfassung der Bibel, das Unser Vater, das uns ermutigt, zu unseren Wünschen, Bedürfnissen, Hoffnungen, Träumen von Glück und Leben  zu stehen, indem wir sie betend vor Gott aussprechen.

 

II 

Die grösste Tat der Reformation vor 500 Jahren war, dass sie die Bibel aus einer für die Allgemeinheit verschlossenen, nur für Experten zugänglichen Geheimschrift zu einem offenen, jedem Menschen zugänglichen Buch machte. Denn die erste Tat der Reformation, überall, wo sie hinkam, war die Übersetzung der Bibel in die Sprache des Volkes.

Die Bibel aus Altem und Neuem Testament ist mit ihren Geschichten, Geboten und Lehrsätzen die Grundlage des christlichen Glaubens. Nicht, weil dieses Buch an sich heilig oder vom Himmel gefallen wäre. Sondern weil wir allein aus diesem Buch vom Gott Abrahams, Moses, Jesu erfahren. So ist die Bibel der Grund unseres Vertrauens zu Gott und unserer Hoffnung auf das Werden des Reiches Gottes, wo es keinen Unterschied zwischen Himmel und Erde mehr geben wird. Die Bibel ist sozusagen das Referenzenbuch, mit dem der Schöpfer des Lebens in souveräner Demut um unser Vertrauen wirbt. Um das Vertrauen, dass er’s gut meint mit uns und dass er alles daran setzt, uns und seine ganze Schöpfung aus Elend und Tod ins vollkommene Leben zu führen, das ihm ewige Ehre und uns ewige Freude macht. Das soll möglichst jeder Mensch hören und selber lesen können.

Die Reformation tat damit das gleiche wie mehr als 1400 Jahre vorher der Apostel Paulus und die vier Evangelisten, allen voran der Evangelist Markus. Als im Jahr 70, rund vierzig Jahre nach der Kreuzigung Jesu, die Römer die Stadt Jerusalem und den Tempel zerstörten, war das für die Juden eine Katastrophe. Für die Christen auch. Denn auch für sie war Jerusalem das irdische Zentrum des Glaubens gewesen, schliesslich war Jesus ja ein Jude gewesen und in Jerusalem gekreuzigt worden.

Markus hatte nach dem Untergang des Tempels die gleiche Idee wie die jüdischen Schriftgelehrten. Beide überlegten, dass die Geschichten Gottes mit den Menschen und der Menschen mit Gott wichtiger seien als ein Gebäude aus Stein und Holz. Also sammelten die Rabbiner alle Kommentare, die sie zu den Schriften des Alten Testaments finden konnten. Parallel zu ihnen sammelte Markus die Geschichten von Jesus, soweit sie ihm erreichbar waren, und ordnete sie zu einem Buch. Aber im Gegensatz zu den Rabbinern schrieb er sein Buch nicht auf Hebräisch oder Aramäisch, und er beliess die Jesusgeschichten auch nicht in mündlicher Form, sondern schrieb sie auf in der internationalsten Sprache seiner Zeit, einer Art Griechisch für Anfänger. Dieses Buch sollte das neue Zentrum der Christenheit auf Erden sein. Und es sollte für möglichst alle Menschen zugänglich sein. Die Leute sollten es lesen können oder wenigstens vorgelesen hören können. Und sie sollten davon ergriffen werden und ihre eigene Meinung dazu finden. Markus ging das Risiko ein, dass es zu verschiedenen Auslegungen und Ansichten über die Jesusgeschichten kommen werde. Aber er vertraute darauf, dass das Evangelium sich durchsetze, diese freudige Mitteilung, dass Gott die Welt aus Elend und Tod zu Auferstehung und Leben führe, wie er seinerzeit das Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten in die Freiheit des Gelobten Landes geführt hatte.

Darin unterscheidet sich Markus vom Apostel Paulus, von dem eine Reihe Lehrbriefe im Neuen Testament überliefert sind. Die beiden kannten einander wahrscheinlich. Aber Paulus wurde ums Jahr 62 hingerichtet, und Markus schrieb sein Evangelium wohl erst nach dem Jahr 70.

Der Unterschied zwischen Paulus und Markus ist:
Markus lässt dem Verstehen der von ihm erzählten Jesusgeschichten freien Raum, auf die Gefahr hin, dass es zu unterschiedlichen Verständnissen des christlichen Glaubens kommt.
Paulus will das Verstehen des christlichen Glaubens möglichst eindeutig festlegen. Darum verzichtet er fast ganz auf die Jesusgeschichten, konzentriert sich allein auf das Faktum, dass Jesus gekreuzigt wurde, und legt dieses so präzis wie möglich aus.
Für Paulus heisst Evangelium verkünden: Den Sinn  entfalten, warum Jesus gekreuzigt werden musste.
Für Markus heisst Evangelium verkünden: Die Geschichten von Jesus erzählen.

Diesen Unterschied treffen wir anderthalb Jahrtausende später wieder in der Reformation. Die Bibel wird damals an vielen Orten als die Grundlage des Glaubens wiederentdeckt. Am folgenreichsten in Wittenberg und in Zürich.
Luther liest vor allem die Lehrbriefe des Apostels Paulus. Sie werden für ihn der Inbegriff des Evangeliums.
Auch Zwingli liest zuerst die Paulusbriefe. Doch als er 1519 nach Zürich kommt, beginnt er mit einer Auslegung des Matthäusevangeliums, das er für das älteste der vier Evangelien hält. Und für ihn und seine Zuhörerschaft werden die Jesusgeschichten der Inbegriff des Evangeliums. Wenn Zwingli freilich eine kurze Formel für das Evangelium braucht, dann bedient auch er sich bei Paulus in der Überzeugung, dass Paulus der wahre Ausleger der Jesusgeschichten sei. Dadurch bekommt die auf Geschlossenheit tendierende lehrmässige Art des Paulus auch in Zürich schliesslich das Übergewicht über die offene erzählende Art. Das geschieht erst recht, als verschiedene Kreise in Stadt und Landschaft Zürich das Evangelium anders verstehen als Zwingli. Jetzt dringen auch der Zürcher Rat und Zwingli selbst auf mehr lehrmässige Geschlossenheit. Diese Tendenz gewinnt bei Zwinglis Nachfolger Heinrich Bullinger und beim Genfer Reformator Johannes Calvin ganz die Oberhand. Und so wird die Lehre des Apostels Paulus zur Leittheologie der reformatorischen Kirchen.

Der Unterschied des Anfangs ist jedoch bis heute spürbar zwischen Reformierten und Lutheranern. Etwa darin, dass die lutherische Kirche neben der Bibel Bekenntnisschriften hat, auf die die Pfarrerinnen und Pfarrer verpflichtet werden. Als Reformierte werden wir nur darauf verpflichtet, gemäss der Bibel, schriftgemäss,  zu predigen. Das ist Zwinglisches Erbe.

 

III

Am Unser Vater ist, wenn ich so sagen kann, die Hauptrichtung des christlichen Glaubens zu erkennen. Wie man in den Himmel komme, ist überhaupt kein Thema in diesem Gebet. Das Thema des Unser Vaters ist die hoffnungsvolle Bitte, dass der Himmel auf die Erde komme und aus der Erde den Himmel mache. Darin ist das Unser Vater eine etwas ausführlichere Variante des frühchristlichen aramäischen Rufes: „Marana tha“, „Unser Herr, komm!“

Wie sollen wir uns das Kommen des Reiches Gottes genauer vorstellen? Dazu verweise ich wieder auf das Markusevangelium. Dort wird das Kommen des Menschensohnes mit grosser Macht und Herrlichkeit erwartet (Markus 13,26). Das ist genau, was das unser Vater auch erwartet, wenn es am Schluss Gottes Reich, Kraft und Herrlichkeit beschwört. Das heisst: Gott erlöst seine Schöpfung von allem Bösen. Er ruft die Toten zur Auferstehung ins ewige Leben. Der Schöpfer gesellt sich zu seinem Werk und vollendet es in Herrlichkeit.

Christliche Verkündigung ist also keine Anleitung, wie wir in den Himmel kommen. Sie gibt auch keine Rezepte aus, wie wir hier sinnvoll leben können und sollen. Denn die christliche Verkündigung betrifft nicht in erster Linie das Schicksal des einzelnen Menschen, sondern das Schicksal der Welt. Die christliche Verkündigung eröffnet der Welt eine Zukunft – und diese Zukunft umfasst auch das Schicksal des einzelnen Menschen. Die versprochene Zukunft besteht in der Erfüllung aller Bitten des Unser Vaters. Die Welt wird von allem Bösen erlöst. Der Schöpfer überwindet die Kluft zwischen Himmel und Erde. Er vollendet in Herrlichkeit sein Schöpferwerk. Sein Bote, Jesus, der diese Zukunft ankündete und dafür getötet wurde, wird mit Macht und Herrlichkeit ins Recht gesetzt.

Wir Christenmenschen haben dieses Zukunftsversprechen aus der Bibel gehört; es hat uns beim Wickel gepackt und lässt uns trotz vielerlei Fragen und Zweifeln nicht mehr los. Aber es ist ja eben nicht nur eine Zusage für uns, die wir darauf hören und vertrauen. Es ist das Versprechen einer grossartigen Zukunft für die ganze Schöpfung. Wir, Christinnen und Christen, sind gewürdigt, dieses Versprechen in die Welt zu tragen. Und zwar so, wie im Unser Vater davon die Rede ist: bedingungslos und ohne Grenzen. So wie Jesus seinerzeit für alle hörbar rief: Das Reich Gottes ist im Kommen.

Daraus ergeben sich Leitlinien für die Gestalt der christlichen Gemeinde.

  • Das Zentrum der christlichen Gemeinde ist die Bibel mit ihrer Verheissung in Geschichten, Geboten, Gebeten, Lehrsätzen.
  • Die erste Aufgabe der christlichen Gemeinde ist darum die Pflege der Bibel. Das heisst: Die Bibel bekannt machen, sie vorlesen, sie diskutieren, sie auslegen, sie nacherzählen, sie weiterüberliefern.
  • Dazu braucht es Fachleute. Das sind die Pfarrerinnen und Pfarrer. Die sind in erster Linie Bibelfachleute. Die Beschäftigung mit der Bibel, das Verstehen der Bibel, die Pflege der Bibelüberlieferung soll ihre Haupttätigkeit sein. Dazu müssen sie Auslegerinnen und Ausleger der Bibel sein, aber auch Nacherzählerinnen und Nacherzähler. Wir Pfarrer seien in einer Erklärkultur erzogen worden, nicht in einer Erzählkultur, sagte ein weiser Praktischer Theologe aus Jena. So ist es, und es ist falsch. Wir müssen beides sein und zu beidem ausgebildet werden: Zum Erzählen und zum Erklären der Bibel. Wer das eine nicht kann, kann auch das andere nicht predigttauglich.
  • Jeremias Gotthelf, der ja in der weiteren Umgebung von hier aufgewachsen ist und sich einmal sogar um die Pfarrstelle in Messen bewarb, Jeremias Gotthelf sagt (in „Anne Bäbi Jowäger“, 2. Band, Kapitel 3) richtig, die Bibel müsse durch das Leben und das Leben müsse durch die Bibel ausgelegt werden. Dann bekomme die Bibel Leben und die Welt bekomme Hoffnung.
  • Die entscheidende Ankündigung Jesu heisst: Das Reich Gottes ist im Kommen. Die vollendete Schöpfung ist nicht erst ein Wort und ein frommer Wunsch. Das Reich Gottes ist da und dort schon zeichenhaft, ansatzweise Realität. Darum hat Jesus Gleichnisse gemacht, das heisst kleine Geschichten aufgegriffen, die von diesen Ansätzen erzählen. Der Taglöhner, der einen Schatz im Acker findet, ist im siebten Himmel. Das ist ein Zipfel der vollendeten Schöpfung. Es ist ein Indiz dafür, dass der Himmel auf Erden im Kommen ist. Die Welt ist trotz alles Unheils voll solcher Zeichen. Sie müssen erkannt und zur Sprache gebracht werden, damit wir selbst und die andern auch darauf achten und im Glauben gestärkt werden.
  • Diese Gleichnisse, Zeichen, Anfänge zu erkennen und davon zu reden, ist das prophetische Amt jedes Christenmenschen. Das können wir an niemanden delegieren. Die Pfarrerinnen und Pfarrer können das längst nicht allein. Erstens gibt es dafür viel zu viele solcher Zeichen. Und zweitens verstehen Pfarrerinnen und Pfarrer zu wenig von der Welt, als dass sie alle Zeichen erkennen könnten. Die Verkündigung des angefangenen Reiches Gottes braucht die Weltkenntnis jedes einzelnen Christenmenschen.
  • Also ist der Gottesdienst mit der Predigt Ausrüstung der Gemeindeglieder für ihr prophetisches Amt. Die theologische Fachkraft ermuntert und unterweist die Gemeindeglieder in festlichem Rahmen, wie sie ihren Verkündigungsauftrag wahrnehmen können.
  • Die Hauptsache der Verkündigung geschieht nämlich nicht im Gottesdienst und nicht durch die Predigt. Die Hauptsache der Verkündigung geschieht in der alltäglichen Welt, wenn eine Christin, ein Christ einen anderen Menschen auf ein Zeichen des kommenden Reiches Gott aufmerksam macht und es ihm zuspricht.
  • Weil es so ist, spielt sich das christliche Leben nicht hauptsächlich in der kirchlichen Gemeinde ab, sondern in der alltäglichen Welt. Lebendige Gemeinde ist also nicht an der Zahl der Veranstaltungen in einer Kirchgemeinde zu messen.
  • Darum soll die Kirche keine Parallelgesellschaft, auch keine fromme Alternative zur profanen Welt aufbauen. Denn die Kirche ist in die Welt, zu den andern Menschen geschickt.

Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere, ebenso wichtige Seite ist die:

Wir Christenmenschen vertrauen und glauben, dass die Erlösung von allem Bösen, die Auferweckung aus dem Tod, die vollendete Schöpfung das Ziel Gottes mit uns und aller Welt ist. Wir erwarten es, denn es ist Gottes Werk und nicht unseres. Die vollkommene Schöpfung kommt; wir können und müssen sie nicht machen.

Aber wir sind aktive, tätige Wesen. Mit unseren Werken gestalten wir die Welt, wie es am Anfang der Bibel in der ersten Schöpfungsgeschichte gesagt ist. Mit unserem Arbeiten und Gestalten haben wir teil am grossen Werk des Schöpfers. Wir sind seine Mitarbeiter. Wir sind nicht die Architekten und nicht die Bauleiter, aber wir sind gewürdigt, dem Baumeister an die Hand zu gehen. Er macht sein Werk nicht ohne uns; er bezieht uns und unser Tun mit ein.

Das ist unsere menschliche Würde. Der sollen wir uns bewusst sein, auf die sollen wir stolz sein, und der sollen wir auch Sorge tragen, so gut wir können.

Wir Christenmenschen sind in dieser Welt die Zeugen von Gottes grossartigem Unternehmen und seine Gehilfen. Als solche will er uns und alle Menschen hier eine Zeitlang haben. Dann sterben wir und ruhen aus, bis das ewige Haus des Lebens vollendet ist. Dort drin wird eine Wohnung für alle bereit stehen, und alle werden mit dem Schöpfer das ewige Fest des Lebens feiern.

Das ist die grundgute Perspektive unseres Lebens. Und das ist der Grund, warum es eine christliche Kirche gibt.

***

Ulrich Knellwolf, Dr.theol.
Neuweg 12, 8125 Zollikerberg
Tel. 044-395 24 24, Fax 044-395 24 25
ueknellwolf@bluewin.ch

Text von Fulbert Steffensky

Bezirskirchentag
9. Juni 2017 in der reformierte Kirche Biberist

(Unkorrigiertes Manuskript)

Wie im Himmel, so auf Erden

Bibelarbeit/Fulbert Steffensky

(Unkorrigiertes Manuskript)

Wie im Himmel so auf Erden

Vorbemerkung: Das Vaterunser, die Psalmen etc, als das Glaubensgasthaus unserer Toten. Glauben = den lebenden und toten Geschwistern ihren Glauben glauben.

Der alte Priester:

„Ich fliehe oft in eine kleine Kirche, über Tag, wenn sie fast leer ist. Ganz leer ist sie nie. Da ist die dicke Frau mit dem dummen Gesicht; die Alte, die nicht aufhört, sich zu bekreuzigen; der Alte am Stock, den unter Ächzen eine Kniebeuge andeutet. Ich schlüpfe heimlich in ihre Gebete. Ich bete nicht mit eigenem Mund und aus eigenem Herzen, sondern mit dem Glauben der Dicken und des Krummen. Ich zahle mit gestohlener Münze.“

Diese Demut möchte ich von ihm lernen, den Glaubenden Geschwistern den Glauben von den Lippen zu lesen. Das  ist der Vorteil, den wir haben, dass wir in die Glaubensgasthäuser unserer toten und lebenden Geschwister fliehen können. Mein eigener Glaube ist mir zu dürftig. Ich brauche den Glauben der anderen, um zu glauben. Ich erzähle eine Geschichte aus der klösterlichen Tradition. Ein junger Mönch war verstört in seinem Glauben und in der Praxis seines Gebetes. Er bat darum den Abt um Dispens vom Chorgebet. Dieser war weise. Er sagte nicht rigide: Geh hin; denn das Chorgebet gehört zu den monastischen Pflichten. Er gestand aber auch nicht liberalistisch dem Mönch die Befreiung vom Gebet zu. Er sagte zu ihm: „Geh hin und vergleiche deine Glaubenskargheit mit der Glaubensstimme deiner Brüder! Hör ihnen zu!“ So gewann der junge Mönch wieder Stimme, indem er die Stimme seiner Brüder hörte. Er verglich seine Kargheit mit der Kraft der anderen und er gewann Kraft. Wir sind endliche Wesen, auch in unserer Kunst zu glauben. Darum brauche ich die Fluchten in das Glaubensgasthaus meiner lebenden und toten Geschwister. Ich nenne eine solche kleine Flucht, die Flucht in das Gasthaus unserer Gottesdienste.Ich bin im Gottesdienst nicht allein. „Allein bist du kleine!“ – auch beim  Beten, auch mit meinem Glauben und mit meiner Hoffnung. Ich nehme Teil am Glauben von anderen Menschen, und so kann ich leichter das Glaubensbekenntnis sprechen, das Vaterunser und die Psalmen. Ich bin nicht nur auf meinen eigenen windschiefen Glauben angewiesen. Wir teilen den Glauben, wie man Brot teilt in kargen Zeiten.

Reich Gottes: Die Menschen sind sich nicht selber genug, und es hat noch keine gesellschaftliche Einrichtung gegeben, in denen die Armen zu ihrem Recht und die Gedemütigten zu ihrer Würde kamen. Und so ist der große Durst nach einem Reich entstanden, das keinen ausstößt und das allen eine Heimat ist; der Durst nach dem Reich, in dem Gott König ist und das den Mächtigen dieser Erde ihre Grenze setzt. „Des Herrn ist das Reich und er herrscht unter den Heiden.“ heißt es im Psalm 22.  In jedem Gottesdienst beten wir: „Dein Reich komme!“ Gott soll herrschen, er soll König sein, sein Reich soll errichtet werden. Es geht dabei nicht nur um die Bewahrung eines Einzelnen, um die Rettung seiner Innerlichkeit, um persönliche Heiligung. Es geht mit dem Gedanken des Reiches um einen Lebensraum, um ein Land, um eine Stadt, um eine messianische Zeit – die Bilder wechseln - , in der  es keine Opfer gibt und in der alle „in Gerechtigkeit, Frieden und Freude im heiligen Geist“ (Römer 14,17) leben können. Es geht um die Öffentlichkeit des Glücks oder des Heils, wie die Propheten es schon verheißen haben. Jesus beruft sich bei seinem ersten öffentlichen Auftritt in Nazareth auf Jesaja: „Der Geist des Herrn ist auf mir. Er hat mich gesalbt, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen.“ (Lukas, 4, 18)

In jener Rede in Nazareth sagt Jesus von sich selbst: „Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren.“ Was also sind die Zeichen jenes Reiches, das mit Jesus angebrochen ist? Es geht nicht nur um eine neue Innerlichkeit, sondern um das öffentliche und greifbare Heil der Menschen, die es brauchen. „Das Reich Gottes ist euer.“, verspricht er den Armen in der Bergpredigt (Lukas 6, 20). Zum großen Gastmahl – ein Bild jenes Reiches – sind die Menschen von der Landstraße und von den Hecken und Zäunen gerufen, die Verlorenen, die Verirrten, die Verlassenen, die von Dämonen geplagten, die Kranken und Verkrüppelten, die Trauernden und die Bettler, die Sünder und alle, die in der Gesellschaft verachtet sind. Jesus ist kein Spiritualist und nicht nur ein Meister der Innerlichkeit. Die Verhältnisse des Lebens sollen sich ändern, in denen Menschen geknechtete und verachtete Wesen sind. Das Reich Gottes soll kein ferner und vager Traum sein, der die Unglücklichen vertröstet. Die Versprechungen Jesu sind nicht die Blumen an der Kette des Unglücks, die dieses erträglicher machen. Jetzt und Heute heißt die Nachricht. Jetzt schonsoll sich keiner Meister über einen anderen nennen. Jetzt schon soll es unter den Menschen des Reiches Gottes nicht wie unter Königen und Mächtigen zugehen, „sondern der Größte soll sein wie der Jüngste und der Vornehmste wie ein Diener (Lukas 22, 26). Jetzt schon soll keiner, der unter die Räuber gefallen ist, verblutend auf der Straße liegen bleiben. Jesus sendet die 12 Jünger aus zur Verkündigung des nahen Himmelreiches. Diese Verkündigung geschieht nicht nur in Worten, dazu gehört ihr Auftrag: „Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein und treibt böse Geister aus!“ (Matthäus 10, 8)  Die Verkündigung des nahen Reiches nur in Worten bleibt leer. Worte und Versprechungen allein wecken noch keine Hoffnung. Was nicht seinen Schatten vorauswirft; was noch kein Vorspiel hat, daran kann man nicht glauben. Die Worte sind die eine Art, das nahe Reich anzusagen. Die andere Art der Ansage sind die großen Zeichen: Die Gebrechen und die Krankheiten werden geheilt und die falschen Geister werden ausgetrieben. Es soll das Erbarmen Gottes über die Menschen kommen, „die verschmachtet sind und zerstreut wie Schafe, die keinen Hirten haben“. Die Versprechungen Gottes sollen augenscheinlich werden. Nein, das Reich Gottes ist keine innere Angelegenheit. Es ist die Umkehrung aller Verhältnisse, in denen der Mensch erniedrigt und beleidigt ist. Kein Wunder, dass Jesus als politischer Aufrührer zum Tode verurteilt wurde.

Darum ist die Predigt des Reiches Gottes zuerst ein Appell zur Umkehr und Veränderung. Jesus beginnt seine Predigt in Galiläa mit dem Ruf zur Umkehr: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ (Markus 1, 15) So hat auch der Täufer Johannes seine Predigt begonnen, und als die Menschen, die ihn hörten, fragten wie das geschehen soll, antwortete er konkret: Niemandem Gewalt oder Unrecht antun; die Nackten bekleiden und den Hungrigen zu essen geben. Die Güte und die Gerechtigkeit sind die die Zeichen des neuen Reiches. Die Sünde, von der man sich bekehren soll, ist also nicht nur eine innere Wirklichkeit und ein Hindernis für das Heil der Seele. „Sünde als Bruch mit Gott ist vielmehr eine geschichtliche Wirklichkeit, Zerbrechen der Gemeinschaft der Menschen untereinander, Abkapselung des Menschen in sich selbst und Bruch mit den Menschen in vielfacher Hinsicht.“ (Gustavo Gutiérrez) Die Kirche kann den Begriff „Reich Gottes“ nicht so spiritualisieren, dass er jede innerweltliche Kraft verliert. Ihr Glaube an das Reich wird daran gemessen, welche Aufmerksamkeit sie für jene Traurigen hat, die Christus getröstet hat; für jene Armen, denen er das Reich versprochen hat; für jene Außenseiter, die er zu seinem Mahl geladen hat. Ihre Verkündigung des Reiches Gottes ist zugleich die Bestreitung aller falschen Herrschaften und Reiche, die auf tönernen Füßen des Unrechts daherkommen. In einem Lied von Kurt Marti heißt eine Strophe: „Das könnte den Herren der Welt ja so passen, wenn erst nach dem Tod Gerechtigkeit käme, erst dann die Herrschaft der Herren, erst dann die die Knechtschaft der Knechte vergessen wäre für immer.“

Ist also das Reich Gottes herstellbar durch die Hand und die Kraft des Menschen? Hat es eine reine innerweltliche Zukunft und bedürfen wir keiner Erlösung? Es ist nichts zu ermäßigen von dem, was gesagt ist. Das Recht der Armen auf dieser Welt ist der Aufschein des Reiches Gottes. Aber in allem, was wir als Menschen mit unserer Hände Arbeit tun und leisten können, steckt ein Nicht-Genug. Wir sind endlich, auch mit unserer Güte, die dem Reich Gottes zu kommen hilft. In allen politischen und religiösen Versuchen, das Reich Gottes allein mit unserer Hände Arbeit jetzt und sofort aufzurichten, steckt Gewalt. Im Jahr 1534 wollte eine radikale Gruppe unter der Führung von Jan van Leiden  und Jan Matthys in Münster die „Stadt Gottes“ und sein Reich mit Gewalt gründen. Alle „Gottlosen“ sollten ausgerottet werden. Es kam zu einer drakonischen Diktatur, die zum Glück nur kurz bestand. In der jesuanischen Verkündigung des Reiches Gottes spielen Langsamkeit, Gewaltlosigkeit und Geduld eine Rolle. Mit dem Reich Gottes geht es wie mit einem Senfkorn, klein und unscheinbar ist es. Aber es wird zu einem großen Baum. (Markus 4,30) Es ist eine Saat, die langsam wächst. (Matthäus 13, 1-9) Es ist wie ein Sauerteig, den eine Frau ins Mehl mengt und der den Teig langsam durchsäuert. Dies sind Bilder der Gewaltlosigkeit: die Frau, die ihr Brot backt; das Senfkorn, das langsam zum großen Baum wird; der Bauer, der in Geduld auf das Wachsen seiner Saat wartet.

Das Reich Gottes also ist da in seinen ersten Zeichen, und es kommt. Den guten und neuen Wein wird Jesus erst mit seinen Jüngern und Jüngerinnen im Reiche seines Vaters trinken (Matthäus 26, 29). Nein, die Menschen sind nicht allein die Macher des großen Reiches; nicht allein die Erbauer der „neuen Stadt“. Der Seher in der Johannesoffenbarung sieht „die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen“ (Offenbarung 21). Das große Versprechen ist nicht von Menschen allein einzulösen. „Gott wird abwischen alle Tränen, und der Tod wird nicht mehr sein noch Leid noch Geschrei noch Schmerz.“ Unsere Hände sind zu schwach, alle Tode zu vertreiben. Mit dem Bild vom Reich Gottes sind eine Würde und eine große Entlastung versprochen. Die Würde: Der Mensch ist Mitarbeiter Gottes am Land, in dem keiner mehr weint und keiner mehr geschlagen wird. Er ist nicht nur ein nacktes Spatzenjunges, das endlos auf die göttliche Fütterung wartet. Die Entlastung: Wir müssen nicht alles sein; wir dürfen endliche Wesen sein. Denn das große Gastmahl wird Gott bereiten, zu dem wir als fidele Bettler geladen sind.

HimmelDie Geschichte der Teresinha, einer Frau aus dem brasilianischen Bergland. (In das Gesicht dieser Frau kann ich hineinlesen das Gesicht der alten Frau, die in Zürich mit hungrigen Augen vor ihrem Fernseher sitzt; die Gesichter der Zwangsprostituierten in unserem Land und die Gesichter aller hungernden Kinder.) Das Kind der Teresinha war erst wenige Monate alt und schwer krank. Sie ging zu einem Arzt, der die Behandlung verweigert. Sie ging von Krankenhaus zu Krankenhaus, aber sie hatte nicht die richtigen Papiere und wird abgewiesen. Schließlich stirbt das Kind in ihren Armen. Einmal erzählt diese Frau die Geschichte des Sterbens ihres Kindes einer Nonne, und diese antwortete ihr: „Wie können Sie das nur aushalten, so zu leiden?“ Terensinha antwortet: „Ich weiß nicht, Schwester. Wir sind arm, wir wissen nichts. Das einzige, was für uns übrig bleibt in dieser Welt, ist leiden. Lassen sie nur, Schwester, eines Tages wird sich das ändern! Gott hilft Leuten wie uns.“

„Eines Tages wird sich das ändern!“, sagt die Frau. „Den Tod vernichtet er für immer.“, sagt Jesaia. „Gott hilft Leuten wie uns.“, sagt die Frau. “Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.“, heißt es im letzten Buch der Bibel. Die Frage, was Erlösung bedeutet und ob man auf sie hoffen kann, kann ich nicht abstrakt beantworten. Ich könnte es nicht in der Bibel lesen, wenn ich es nicht aus den Worten dieser Frau lese. Die Frau in ihrem Schmerz und in ihrer Hoffnung ist meine Zeugin. Ich verstände sehr gut, wenn sie verstummte oder wenn ihre Sprache bescheiden würde und wenn sie nur noch sagte: So ist das Leben! Das Kind ist Tot, und mehr hat unsereins nicht zu erwarten. Aber sie hat keinen Grund so bescheiden zu sein. Sie geht mit ihrer Hoffnung aufs Ganze und sagt: „Eines Tages wird sich das ändern. Gott hilft Leuten wie uns.“

Was mich in ihre Sprache und in ihren Glauben lockt, ist zunächst ihre Schönheit. Es ist schön und menschenwürdig, dass ein Mensch sich die Hoffnung nicht verbieten lässt; dass sie einen neuen Himmel und eine neue Erde erwartet, in der sie nicht mehr ein erniedrigtes und beleidigtes Geschöpf ist. Ich finde den dickköpfigen Stolz der Frau schön, in dem sie ein Land erwartet, in dem „das Frühere vergangen“ ist. Etwas schön zu finden, ist übrigens die erste und vielleicht kräftigste Verlockung zum Glauben. Diese Schönheit lehrt mich unzufrieden zu sein mit der unterernährten Vernunft, die nur sagt, was zu sagen ist. „Gott erlöst sein Volk.“ - diesen Satz kann die Vernunft nicht sagen. Es ist auch nicht ihre Sache, ihn zu sagen. Es ist Sache der Hoffnung der gequälten Wesen, die verlangen, erlöst zu werden aus ihrer Qual. Ich greife nicht die Vernunft an, aber die Vernünftigen, die den Kopf schütteln vor der Unvernunft all der Teresinhas, die sich in ihren Jammertälern herumtreiben. Man kann die Atheisten verstehen, die aus Verzweiflung am Leben und daran, was ihm angetan wird, den Namen Gottes nicht mehr nennen können. Sie haben ja einigen Grund für ihre Haltung. Schwer nur kann ich die verstehen, die - anders als Teresinha - gut im Leben davon gekommen sind und in schmerzensfreier Rede sich darauf beschränken zu sagen, was zu sagen ist. Über ihre „trockene Tapferkeit“spotte ich mit Gottfried Keller: „Seines (des liberalen Pfarrers) Schilderungen konnte dann die unvermählt geblieben Greisin entnehmen, dass wir in unseren Kindern und Enkeln fortleben; der Arme im Geist getröstete sich der unsterblichen Fortwirkung seiner Gedanken und Werke. … Der Mühselige und Beladene endlich durfte auf ein durchgreifendes Ausruhen von aller Beschwerde hoffen.“ (Die Leute von Seldwyla)

Das eigene Herz ist zu klein für die Hoffnung auf die endgültige Bergung des Lebens. Man muss Zeugen haben. Der Glaube jener Teresinha bewahrheitet den Glauben daran, dass die Opfer nicht Opfer bleiben und endgültig verspielt haben. Ich versuche, meinen Glauben an Gott zu nennen, und ich stelle fest, dass ich dies dauernd in fremder Sprache tue. Ich zitiere Jesaja, wenn ich auf das Land hoffe, „aus dem die Seufzer geflohen sind“. Ich zitiere die Apokalypse, wenn ich behaupte: „Der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz“. Man sucht sich Zeugen für die Hoffnung. Der Glauben geht Umwege, er glaubt nicht hauptsächlich „etwas“. Glauben heißt, den Zeugen ihren Glauben zu glauben. Welch ein Glück, dass ich eine Fremdsprache für meinen Glauben habe! In der fremden Sprache, in den Geschichten und den Bildern von gestern berge ich meinen Glauben unter der Maske der Toten. Ich stehe nicht allein, nicht einmal für meinen Glauben. Ich benutze die Sprache meiner lebenden und toten Geschwister, und ich benutze damit auch ihren Glauben. In den Formeln und in der fremden Sprache der Zeugen springe ich weit hinaus über mein eigenes Sprachvermögen. Ich spiele den Clown in der Sprache der anderen, und ich lese die Hoffnung ab von ihren Lippen. Wie buchhalterisch ist das Bestehen darauf, alles vor dem „eigenen Gewissen“ allein verantworten zu wollen. Mein Herz verantwortet nicht die Sprache, die die Auferstehung der Toten und den Sturz der Tyrannen nennt. Oft genug spricht man die fremden Sätze gegen das eigene Herz.Ja, ich kenne den Einwand: Die Hoffnung auf jene endgültige Stadt und auf Gott, der die Teresinhas erlöst, ist eine Vertröstung, die den Augenblick entwichtigt und die Kraft für die Gegenwart verschleudert. Aber es ist auch an der Zeit zu überlegen, was die Sprachlosigkeit anrichtet und was eine Sprache anrichtet, die das Elend beschreibt; die aber das Lied „einmal wird es sein!“ nicht mehr kennt. Wünsche und Hoffnungen sterben, wenn sie sich in eine zu kurze Sprache ducken müssen. Die Sprache der Liebe und die Sprache des Schmerzes nehmen den Mund immer zu voll. Aber wehe, wenn sie bescheiden werden und die Unsäglichkeiten vermeiden! Der Tod darf nicht das letzte Wort haben, sonst wäre er größer als Gott. Die Toten drängen mich, an Gott zu glauben. Die Opfer fordern Versprechungen, die größer sind, als mein Herz wissen und vertreten kann. Da ich niemanden Opfer sein lassen will, nicht einmal mich selber, rufe ich: Gott wird die Toten nicht vergessen. Es wird ein Land kommen, aus dem die Seufzer geflohen sind und in dem jeder seine Sprache und seinen Gesang gefunden hat. Nein, es ist mir zu wenig, dass Gott keine anderen Hände hat als die unseren und kein größeres Herz als das unsere. Ich lese in der Zeitung, dass in Hamburg ein Kind ermordet wurde. Nein, ich lasse Gott nicht davonkommen. Er soll für das ungelebte Leben und den schrecklichen Tod des Kindes stehen. Er soll seine Tränen abwischen und ihm sein Lachen zurückgeben. So war es ist, dass Gott selber in die Hände der Räuber gefallen ist in allen Gestalten der Armut, die sich auf der Welt herumtreiben, so wahr ist - ich behaupte es, und ich verlange es! -‚ dass Gott alle Wunden heilen und die Toten erwecken wird. Ich setze darauf, und ich kümmere mich nicht darum, dass ich die Wette verlieren kann. Ich weiß, dass ich in unverstandenen Bildern rede, wenn ich mit der Bibel sage: „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird sein; denn das Erste ist vergangen.“ Die Toten und ihr Schicksal öffnen mir den Mund für diesen Gesang, der mit seiner Vision vom guten Ausgang allen Lebens wie Kitsch klingt. Aber lieber des Kitsches verdächtigt sein, als die Solidarität mit den Opfern aufgeben.Und noch einmal die Frage: Ist der Glaube an die Bergung allen Lebens in der Hand Gottes nicht eine Verrat der Erde? Es ist ein Verrat, wenn der Himmel nicht zur regulativen Idee für die Erde selbst. Ich zitiere ein Lied des Schweizer Theologen Kurt Marti:

 

Der Himmel, der ist, ist nicht der Himmel der kommt, wenn einst Himmel und Erde vergehen. Der Himmel der kommt, das ist der kommende Herr, wenn die Herren der Erde gegangen. Der Himmel der kommt, das ist die Welt ohne Leid, wo Gewalttat und Elend besiegt sind. Der Himmel der kommt, das ist die fröhliche Stadt und der Gott mit dem Antlitz des Menschen. Der Himmel der kommt, grüsst schon die Erde, die ist, wenn die Liebe das Leben verändert.

Der Himmel, der kommt, wird zum Bauplan der Welt, die ist. Er ist nichts völlig Anderes, er ist die Musik, die hier schon gespielt werden soll. Es soll im Himmel wie auf Erden sein und auf Erden wir im Himmel. Gottes Wille soll geschehen im Himmel wie auf Erden, wie die Bitte des Vaterunsers sagt. Himmel heißt nicht nur, eine Herkunft haben, es heißt nicht nur eine Zukunft haben. Es heißt, eine Arbeit auf der Erde zu haben. Die große Würde des Menschen: er ist nicht nur nacktes Spatzenjunges, das den religiösen Schnabel aufsperrt und auf die tägliche Gnadenfütterung Gottes wartet. Der Mensch ist Mitarbeiter und Koautor des Himmels; er ist Autor des Trostes, der Gerechtigkeit und des Friedens dieser Welt. Der Glaube an die Herkunft von diesem Gott bedeutet die Unerträglichkeit des Todes, nicht nur am Ende des Lebens. Es heißt, die falschen Tode nicht hinnehmen, die Menschen angetan werden mitten im Leben. Die falschen Tode: der Hunger der Menschen, der ihnen das Leben nimmt, ihre Armut, ihre Folterqualen, ihre Stummheit und ihre Zukunftslosigkeit. Der Himmel der kommt, soll herein brechen in diese Welt, die ist. Man kann nicht an jenen Himmel glauben und sich zugleich mit gewaltsamen Toden abfinden. Man kann nicht an die Auferstehung glauben, und das eigene Land zugleich zu Tode rüsten. Man kann nicht an die Auferstehung glauben, und zugleich das Klima kaputt machen, das das Leben der Kinder und der Enkel gefährdet. Das ist nicht eine Moral, die folgert aus den Sätzen der Güte Gottes, sondern es sind Glaubenssätze selber: Du Mensch bist gewürdigt, Gott zu trösten in seinen Gestalten der Verlorenheit, im gefolterten Mann, in der vergewaltigten Frau, in den hungernden Kindern. Ich zitiere ein anderes Lied von Kurt Marti: 

Das könnte den Herren der Welt ja so passen, wenn erst nach dem Tod Gerechtigkeit käme, erst dann die Herrschaft der Herren, erst dann die Knechtschaft der Knechte vergessen wäre für immer.

Das könnte den Herren der Welt ja so passen, wenn hier auf der Erde stets alles so bliebe, wenn hier die Herrschaft der Herren, wenn hier die Knechtschaft der Knechte so weiter ginge wie immer.

Doch ist der Befreier vom Tod auferstanden, ist schon auferstanden und ruft uns jetzt alle zur Auferstehung auf Erden, zum Aufstand gegen die Herren, die mit dem Tod uns regieren.

Die Kernfrage also bleibt: Führt der Glaube an die Erlösung nur aus der Welt hinaus oder in sie hinein?Die Solidarität mit den Opfern erlaubt mir kein Schweigen und sie öffnet mir den Mund zu sagen, was man nicht sagen kann: dass keine Träne umsonst geweint ist und keine Wunde ungeheilt bleibt. Wie und wo dies wahr wird, weiß ich nicht. So sagt es Karl Rahner: „Es gilt, alle Aussagen über Gottes neuen Himmel und neue Erde immer wieder hineinfallen zu lassen in die schweigende Unbegreiflich Gottes.“ (Orientierung 48(1984). Wir kommen nicht umhin uns Bilder zu machen von den Orten der Bergung. Denn die Hoffnung kommt nicht ohne Bilder aus. Zugleich muss man wissen, dass unsere Bilder Bilder sind und wie alle theologischen Aussagen im Bilderverbot gerichtet werden. Gott weiß, wo er unsere Tränen sammelt, und dies genügt.

Fulbert Steffensky

 

Willkommen

Die Idee für den Bezirkskirchentag entstand 2008 im Vorstand der Bezirkssynode.
Ein wichtiger Grundgedanke war, damit eine Plattform für das gemeinsame Erleben der
reformierten Identität über die örtlichen Kirchgemeinden hinaus zu schaffen. In den Jahren 2009, 2011, 2013 und 2015 entstanden unter dem Dach des jeweiligen Bezirkskirchentags
vielfältige Möglichkeiten, sich auszutauschen, gemeinsam Kirche zu erleben und diese
auch in die Öffentlichkeit ausstrahlen zu lassen.

Bezirkskirchentag 2017

Im Zeichen des Jubiläums „500 Jahre Reformation“ findet der diesjährige Bezirkskirchentag unter dem Motto „Wie im Himmel, so auf Erden“ statt. Das Motto lässt bewusst viel
Spielraum offen und kann durchaus auch als Aufforderung verstanden werden, sich auf
Erden „himmlisch“ zu verhalten oder im Hier und Jetzt „Himmlisches“ zu erfahren.
Mit dem beiliegenden Programm machen wir Sie schon heute ein wenig „gluschtig“.
Freuen Sie sich auf viele spannende Momente und interessante Begegnungen!

Reformierte Kirchgemeinde Biberist-Gerlafingen und Bezirkssynode Solothurn

Freitag, 9. Juni 2017

19.00 Uhr

Festauftakt mit Eröffnungsvortrag von Ulrich Knellwolf
Anschliessend Apéro für alle Besucherinnen und Besucher

Thomaskirche Biberist-Gerlafingen

21.00 Uhr

Pantomime zur Nacht mit Damir Dantes

Thomaskirche Biberist-Gerlafingen

Samstag, 10. Juni 2017

10.00 Uhr

Nia – Workshop mit Tanz, Körperwahrnehmung und Entspannung

Thomaskirche Biberist-Gerlafingen

10.00 Uhr

Bibelarbeit mit Fulbert Steffensky

Kirchgemeindehaus Gerlafingen

ab 12 Uhr

Mittagessen in der Festwirtschaft

Thomaskirche Biberist-Gerlafingen

15.00 Uhr

Kinderkonzert mit Andrew Bond
Anschliessend Zvieri für alle kleinen und grossen Gäste

Mehrzweckhalle Lohn-Ammannsegg

20.00 Uhr

Konzert des Chors des musischen Gymnasiums Solothurn
Anschliessend Apéro für alle Besucherinnen und Besucher

Thomaskirche Biberist-Gerlafingen

Sonntag, 11. Juni 2017

10.00 Uhr

Festgottesdienst mit Dialogpredigt von Christina Aus der Au und Ruedi Josuran
Musikalische Gestaltung Tanja Baumberger und fe-m@il
Anschliessend Apéro riche für alle Besucherinnen und Besucher

Thomaskirche Biberist-Gerlafingen

Im Anschluss an den Festgottesdienst und zum Abschluss des Bezirkskirchentags 2017 offerieren wir allen Besucherinnen 
und Besuchern einen Apéro riche.

 

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